Statement zu den Leitlinien aggressives Verhalten in der Psychiatrie.
Als jahrzehntelanger Nutzer des psychiatrischen Systems, das mir zur Verfügung steht, habe ich mich für eine Teilnahme an der Arbeitsgruppe zur Erstellung der Leitlinie entschlossen und war auch froh, dass es endlich möglich war, dass wir Betroffene an der Entstehung dieser Leitlinie eingebunden waren Die Leitlinie ist gerade unter uns Betroffenen hart umstritten. Leider wird es nicht immer möglich sein, Zwang und Gewalt aus der Psychiatrie zu halten. Ich halte den Umgang mit Zwang und Gewalt auch als ein Gütesiegel der psychiatrischen Versorgung. Da wo viel Zwang und Gewalt angewandt wird, ist die psychiatrische Versorgung erbärmlich und gehört auch zulasten der psychiatrisch Tätigen bewertet. Denn gerade in der psychiatrischen Versorgung müssen wir Nutzer alleine alle Konsequenzen tragen.
Wir Betroffene üben Gewalt nicht aus, um über irgendwas zu stehen oder weil wir gewinnen wollen. Unser Verhalten ist gekennzeichnet durch vielerlei Nöte und Zwänge. Oft ist unsere Gewalt eine hilflose Reaktion auf vielerlei Missstände. Da genügen nicht Deeskalationsstrategien, die vielleicht bei den Ordnungshütern eingeübt worden sind, anzuwenden
Auch ist für mich der Einsatz von Medikamenten im Zusammenhang mit der Anwendung von Gewalt äußerst fraglich. Gerade bei der Mitarbeit in dieser Arbeitsgruppe ist mir wieder deutlich geworden, wie wichtig eine gute psychiatrische Grundversorgung für alle Beteiligten ist.
Aus dieser Not heraus und weil immer mehr Mängel durch Einsparungen bei Mitarbeitern offensichtlich werden, versuche ich mit Frau Osterfeld eine Neuauflage einer Psychiatrie-Enquete anzuregen, denn nach unserer Meinung hat sich die psychiatrische Versorgung aus vielen Gründen deutlich verschlechtert. Mir ist es wichtig, dass die in der psychiatrischen Versorgung Tätigen beispielsweise nicht mit der Kondition von Marathonläufern hinter den Versprechungen der Psychopharmakaindustrie her hecheln, sondern ich möchte ganz deutlich auf die gesellschaftspolitische Gesamtverantwortung aller Beteiligten, vor allem auch der Profis verweisen.
Meine Abwesenheit bitte ich Sie zu entschuldigen. Bitte verstehen Sie mein Fehlen als einen Teil unseres psychosozialen Stresses unter dem wir chronisch Kranken stehen, die mit der Grundsicherung zurechtkommen müssen. Zudem geht es mir im Moment leider somatisch nicht so gut und ich muss meine Kräfte einteilen.
Ich möchte aber allen Beteiligten und dem Leiter Herrn Prof. Dr. Steinert für das gute Klima und für die Toleranz während der Arbeit an der Leitlinie danken..
Klaus Laupichler, Herbrechtingen im November 2008